TheaterTanzPerformance

auf Reisen: Performance der Strasze Bogotás oder sin tetas no hay paraíso

Seit mehreren Monaten flammen in einigen Ländern Südamerikas immer wieder Proteste auf. In Chile, in Ecuador, in Bolivien und auch in Kolumbien, wo ich mich gerade aufhalte. Die Auslöser sind hauptsächlich umstrittene politische Entscheidungen, die auf grosze Unzufriedenheit und soziale Ungerechtigkeit stoszen. Kolumbien ist ein Land, das sich schon lange auf hohem Niveau auch performativ zu politischen Vorgängen äuszert und Gewalt und gesellschaftliche Entwicklungen in der darstellenden Kunst verhandelt. Vor allem in den groszen Städten wie Cali, Bogotá und Medellín gibt es eine enorm hohe Anzahl an Theatergruppen, die professionelles Freies Theater machen und mit ihrer kritischen und frechen Art einen Gegenpol bilden zu groszen oberflächlichen Theater- und Fernsehwelten.

Clara Contreras Camacho und Carlos Araque in La Cómica Muerte de un Trágico, Vendimia Teatro (foto: Vendimia Teatro)

Sie leisten dabei Aufarbeitungsarbeit von Gewaltverbrechen, Massenmorden, Entführungen, Landvertreibungen. Aber sie treffen dabei auf scheinbar unbezwingbare Gegner; sie müssen gegen Entwicklungen ankämpfen, die schon Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass es aussichtsreicher und erstrebenswerter ist sich auf ein auf Oberflächlichkeiten reduzierendes Fernseh- und Filmwesen einzulassen oder sich für Drogenbosse zu prostituieren oder sich in ihre Dienste zu stellen. Dass in Kolumbien eine ziemlich ungleiche Verteilung von Gütern, Korruption und Freunderlwirtschaft vorherrschen, wie man sie sonst nur aus Ländern wie Österreich kennt, erschwert die Sache natürlich. Nichtsdestoweniger oder gerade deshalb gibt es in Kolumbien eine junge Generation von Theaterschaffenden, die eine Flexibilität, Professionalität, Kreativität und Disziplin an den Tag legt, die beispielhaft ist. Vor allem ist dies auch noch einmal interessanter zu beobachten, weil dies im Schatten und in Reflexion mit älteren Theatergenerationen geschieht, die international sehr gefragt sind und mit ihren Methoden, in ihren Techniken über die Grenzen hinaus viele Theaterschaffende beeinflussten. Mittlerweile gibt es einige gut & einige weniger gut funktionierende Förderprogramme, die Teils die Erhaltung und Schaffung von Theaterräumen fördern, teils Projekte unterstützen, die soziale Ungerechtigkeit aufzeigen bzw. diese verringern sollen. Trotzdem befinden sich die jungen Generationen in zwiespältigen Situationen wieder; denn sollen sie auf der einen Seite den hohen Anforderungen von staatlicher Seite her entsprechen, dh so viele Titel wie möglich einheimsen, enorme bürokratische Belastungen und eine Vielzahl an zweifelhaften und angeblich wichtigen pädagogischen Konzepten verfolgen (wie das auch in Europa gerade ein Trend ist) und auf der anderen Seite wollen sie authentische und einzigartige Kunst liefern mit der sie sich identifizieren können und kritisch gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen bleiben.

Die performative Gestaltung des öffentlichen Raumes zeigt sich sehr vielseitig und in unterschiedlicher Intensität, bewusst und unbewusst. Ich konzentriere mich jetzt einmal auf die bewusste, die sich vor allem in den performativen Formen zeigen, die die Gruppen bewusst wählen um in den Straszen präsent zu sein und mit der Bevölkerung in Diskurs zu treten. Ein Projekt, das diesen Diskurs auf die Strasze bringt ist zum Beispiel ¡Qué Chimba! von Clara Angélica Contreras y María Fernanda Sarmiento Bonilla, der Gruppe Vendimia Teatro. In ¡Qué Chimba! bringt María Fernanda Sarmiento Bonilla anhand von vier Frauenfiguren die komplexen Lebenssituationen vieler kolumbianischer Frauen auf die Strasze. Florinda, die singend zur Arbeit geht und so ihr Leben in Unterdrückung akzeptiert. Omaira, eine junge fragile Frau, die gebrochen scheint. Mit Jineth B. beginnt so richtig die Eroberung des öffentlichen Raumes. Dann kommt Francia, Papaya anbietet und dann langsam selbst zur Papaya wird, zur Vulva, Chimba in menschengroesze, die durch die Straszen laeuft und jeden umarmt und küsst, der es zulesst. Die Chimba, glücklich sie zu sein, verliert sich zwischen Asphalt, Rauch und dem urbanen Lärm.

María Fernanda Sarmiento Bonilla als Vulva in ¡Qué chimba!

Und dann weisz da noch die Stadt selbst, wie sie sich inszenieren soll und macht das vor allem über die vielen Graffitis, die in allen Formen und Ausprägungen die Städte, so scheint es, umprogrammieren wollen. Dieses wache Verhalten des urbanen Raumes, lässt die Geister und die ungehörten Stimmen sprechen, denen der Raum genommen wird, die unzufrieden sind mit der gröszer werdenden Ungleichheit und Gleichgültigkeit und Gewalt.

Graffiti in Santa Fé de Bogotá (foto: Florian Zambrano)

Man spürt eine grosze Verbundenheit zu den PerformerInnen, die sich mit kreativen Mitteln, gewaltfrei, aber mit unglaublicher Kraft und Präsenz und Durchhaltevermögen sich Platz schaffen um gegen Unterdrückung und Willkür und Misswirtschaft aufzutreten. Das Ausmaß an Disziplin, das unter den professionellen Performerinnen in Kolumbien herrscht findet man nur selten. Die Vielseitigkeit und die Formen, in denen sie die Vielzahl der eigenen Ursprünge und auch das mestizaje in allen Ausprägungen verhandeln und kommunizieren sind immer wieder inspirierend. Weil sie nicht einfach nur die verschiedenen Prägungen nebeneinander stellen oder Traditionelles und Zeitgenössisches von einander abgrenzen, sondern aus den transkulturellen Prozessen ihre Gegenwart und Tradition immer wieder neu entstehen lassen und neu in Frage stellen und wieder auseinanderbrechen und wieder neu verhandeln. All das erinnert auch daran, wie die performativen Künste uns über alle Grenzen hinweg verbinden, weil sie etwas genuin menschliches in sich tragen, nämlich die Notwendigkeit über den Körper und sein Innenleben unser Dasein tagtäglich zu hinterfragen und immer wieder aufs Neue hin auf die Probe zu stellen.

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